DIE MEDIEN
Die Wandlungen, die sich in der postkommunistischen Periode vollzogen haben, sind
wohl nirgendwo sonst so deutlich zutage getreten wie im Informationsbereich. Die Redefreiheit, der
Meinungspluralismus und das Recht, jede Information, die für Bürger von Interesse sind, zu finden, zu
übertragen und zu verbreiten - all diese liberalen Prinzipien fassen auf russischem Boden nach und nach
Fuß.
Die PresseDie sowjetische Presse war dermaßen einheitlich, dass es teilweise
schon ans Absurde grenzte. "In der, Iswestija" gibt es keine "Prawda" (Wahrheit), und in der "Prawda"
gibt es keine Iswestija (Nachrichten)", scherzten die Leser traurig.In den vergangenen Jahren haben sich
in den russischen Medien radikale Veränderungen vollzogen. Es entstanden Tausende von neuen Zeitungs-
und Magazintiteln sowie Dutzende neuer Nachrichtenagenturen. Für Russlands Bürger sind auch ausländische
Medien zugängig: Fernseh- und Hörfunksender wie auch Printmedien. Russlands Presse hat ihre Isolation
durchbrochen und ist ein Teil des globalen Informationsstroms geworden. Die überwiegende Mehrheit der
Medien ist privat. Ein riesiges Segment der "gelben" Presse ist entstanden. Immer populärer werden
Fachzeitschriften. Auflagen von Frauen- und Männermagazinen steigen. Das Interesse des Lesers für
gesellschaftspolitische Medien sinkt dagegen nach wie vor. Auf dem Markt der Tageszeitungen
dominieren nichtstaatliche Medien. Neben den bereits erwähnten Titeln sind es die einflussreichen
Zeitungen "Kommersant" und "Nesawissi-maja gaseta", die Anfang der 90er Jahre entstanden sind. Bei
Intellektuellen ist auch die vor kurzem gegründete Zeitung "Gaseta" populär, die mit Unterstützung des
Hüttenkombinats Nowolipezk erscheint. Erfolgreich entwickelt sich auch die vor einigen Jahren gegründete
Geschäftszeitung "Wedomosti". Dieses Projekt, das mit Unterstützung der "Financial Times" und des "Wall
Street Journal" realisiert wurde, gewinnt stetig an Gewicht.
Informations -und
VerlagsgruppenHeute sind in Russland einige größere Informations- und Verlagsgruppen entstanden.
Beispielsweise die besonders diversifizierte Gruppe "Gasprommedia", die einen der insgesamt sechs
landesweit sendenden Fernsehkanäle, NTV, die populäre Tageszeitung "Trud", den bekannten liberalen
Funksender "Echo Moskwy" und einige andere Medien kontrolliert.Der Besitzer der Industrieholding
Interros, Wladimir Potanin, kontrolliert die auflagenstarken und einflussreichen überregionalen
Tageszeitungen "Iswestija" und "Komsomolskaja Prawda" - die traditionellen sowjetischen Blätter, die in
der neuen marktwirtschaftlichen Realität ihren Platz zu finden vermochten. Zu seiner Informationsgruppe
gehören außerdem der populäre Rundfunksender Europa Plus und das Wochenmagazin "Expert".
NachrichtenagenturenDie Positionen des russischen Staates bei den Medien sind
hauptsächlich im Fernsehen stark. Außerdem sind mit ITAR-TASS und "RIA Nowosti" zwei der insgesamt drei
größten Nachrichtenagenturen staatlich. Die dritte Agentur - Interfax - ist privat.
FernsehsenderEine eigene Medienfamilie gründeten auch die Moskauer Stadtbehörden mit dem
Fernsehsender TVZ, einigen Stadtzeitungen und Familienzeitschriften. Eine weitere Gruppe von Medien
schart sich um das Strommonopol RAO EES Rossii. Dies sind der erfolgreiche Fernsehkanal RenTV, der im
Dezimeter-Wellenbereich sendet, und einige Zeitungen. Das Hauptproblem der russischen Medien
besteht nach Ansicht von Analytikern in fehlendem Modell zivilisierter Beziehungen mit der Macht und der
Gesellschaft. Die korporative Ethik der russischen Medien ist erst im Entstehen und wird sehr oft scharf
kritisiert. Vielen missfällt das Überangebot an Blut und Gewalt im Fernsehen, die Dominanz der "gelben"
Materialien in den Printmedien, die aggressive und aufdringliche Werbung sowie die Neigung der Medien,
nicht überprüfte Informationen sowie Gerüchte und Erfindungen, manchmal auch bewusst falsche Angaben zu
verbreiten. Des öfteren werden die Medien vom Unternehmertum für die Durchsetzung eigener
Geschäftsinteressen, für eine Abrechnung mit Konkurrenten, für Angriffe gegen die Macht oder gegen
politische Gegner missbraucht. Meinungsumfragen zufolge sinkt das Vertrauen der Bevölkerung zu den
Medien weiter. Nach Angaben des Instituts für sozialpolitische Forschungen der Russischen Akademie der
Wissenschaften ist das Vertrauen der russischen Bürger zu den Massenmedien in den letzten drei Jahren um
drei auf 16 Prozent zurückgegangen, während das Misstrauen um 19 auf 60 Prozent gewachsen ist. Der
Presse wird vorgeworfen, sie sei zu engagiert, nicht selten sind Stimmen zu vernehmen, die aufrufen, die
staatliche Kontrolle über den Inhalt der Fernseh- und der Hörfunksendungen sowie der Zeitungen zu
verstärken. Allerdings sollte die Situation nicht dramatisiert werden. Eine aktuelle Tendenz ist
der Leserrückgang bei den überregionalen (Moskauer) Zeitungen. Die Bevölkerung in der Provinz bevorzugt
immer mehr ihre lokale Presse. Die Ursache dafür liegt vor allem in allgemeinem Zentrifugaltrend, in der
Verstärkung der politischen und der ökonomischen Rolle der Regionen. Mit anderen Worten, die Menschen
scheinen ihr Interesse für gesamtstaatliche oder für rein Moskauer Angelegenheiten zu verlieren, über
die die hauptstädtische Presse vorwiegend schreibt, und mehr Aufmerksamkeit lokalen Problemen zu
schenken, die für ihr Alltagsleben viel wichtiger sind. Als Ergebnis hören die Moskauer Zeitungen auf,
ein Bindeglied zwischen dem Zentrum und der Peripherie zu sein, wie es früher der Fall war. Von
den Berufsorganisationen in den Medien sind insbesondere der noch aus der Sowjetzeit stammende
Journalistenverband zu erwähnen, in dem die Positionen der liberalen Presse stark sind, die 2000
gegründete Vereinigung Mediasojus, die zentristische Positionen bezieht, und das 2002 gegründete
Industrielle Medienkomitee, das Spitzenvertreter der Medien vereint. Diese Organisationen bemühen sich
gegenwärtig um zivilisierte Beziehungen zwischen Macht, Business, Presse und Gesellschaft. Wie dem
auch sei: die Rolle der Presse im Prozess der Reformen ist überaus bedeutend, und es ist schwer, sich
das heutige Russland ohne Zeitungen und Zeitschriften vorzustellen, die diese Entwicklung mit scharfen,
beißenden, ironischen, Aufsehen erregenden Kommentaren und Enthüllungen begleiten. |